Kurzgeschichten

Nach folgend möchte ich euch einen kleinen Auszug aus meinen Kurzgeschichten präsentieren. Ich hoffe diese gefallen euch.

Die Zugfahrt

Für Herbert waren Zugfahrten einst eine wunderbare Erfahrung.

An einem spätsommerlichen Tag im September war die Reise auf Schienen alles andere als angenehm. Dies sei eine Fahrt ohne Rückkehr, so war sich Herbert sicher.

Obschon der Waggon nur wenig befüllt schien und sein Viererabteil nur noch mit seinem Rucksack belegt war, fühlte er sich eingeengt.  

Herbert, ein grauhaariger Kaufmann, konnte seine schlechte Laune nicht verbergen. Jeder der sich an seiner Nische vorbei wagte, wurde mit einem wütenden Blick bestraft.

Er würde nach Bern reisen. Beim Hauptbahnhof aussteigen und nach links marschieren. Seine Füße würden ihn zu seinem ehemaligen Arbeitgeber tragen und dann würde er seinen Rucksack öffnen.

„Entschuldigen Sie bitte. Ist hier noch frei.“ Ertönte aus dem Nichts eine sanfte, zittrige Stimme. Das zerbrechliche Geschöpf in einem Blumenkleid wurde ebenfalls mit einem bösen Blick abgestraft. „Es tut mir leid. Ich war schon in jedem Waggon. Nirgends kann ich einen Platz finden.“ Erklärte das zierliche Wesen und schob ihren schlanken Körper an Herbert vorbei zum Fensterplatz.

Die junge Frau sah kaputt aus, wie Herbert es beschreiben würde. Auch fiel ihm der Schal um den Kopf auf, der sich wie ein schweres Laken um die Schultern legte. Kurz darauf bemerkte Herbert ebenfalls die fahle Haut und die fehlende Behaarung im gesamten Gesicht. Doch wollte er jetzt und hier kein Mitgefühl empfinden. Er hatte schliesslich eine Mission.

Sie reisen auch nach Bern?“ Fragte das junge Ding und atmete schwer. „Meine Schwester lebt in Bern. Ich gehe sie besuchen. Sie hat vier Kinder und kann nicht nach Olten kommen. Es ist bezaubernd wie die Sonne in den Morgentau hineinscheint. Finden Sie nicht auch?“ Herbert grummelte vor sich hin und zog seinen Rucksack auf den Schoss. Er machte klar, dass er nicht reden wollte. Doch die junge Dame wollte nicht schweigen, denn die Zeit der Stille käme noch früh genug.

„Ich liebe diese Farben im Wald, wenn es Herbst wird. Denken Sie auf dem Bahnhof gibt es bereits die ersten Maroni Hütten? Die Kinder meiner Schwester lieben Maroni sehr und ich möchte ihnen etwas mitbringen.“ Herbert brummt durch seinen grauen Bart: „Können diese Gören nicht selbst Maroni kaufen? Wäre besser als die totgeweihte Tante zu beauftragen.“

Herbert war es leid zu sagen was andere hören wollten. Es war nicht die Zeit der Höflichkeit, sondern die Zeit der Rache. „Da haben Sie womöglich recht.“ Flüsterte die junge Dame, mit schwerem Atem fuhr sie fort: „Aber woran sollen sich die Kinder einst erinnern? An die totgeweihte Tante? Oder an die Tante, die um ihr Leben kämpfte und versuchte in der schwersten Zeit stark zu sein? Wissen Sie mir bleiben noch wenige Wochen und das im Alter von einundzwanzig. Ich werde kämpfen und all diese Erfahrungen in mich aufnehmen. Auch eine Zugfahrt mit einem Mann, der zwar noch lebt, aber nicht mehr wirklich am Leben ist.“ Herbert blickte erschrocken in die glänzenden Augen seiner Mitpassagierin.

 „Wie meinen Sie das?“

„Sie sitzen hier in einem Viererabteil und bestrafen jeden, der es wagt Sie auch nur anzusehen, mit einem hasserfüllten Blick. Die Landschaft, welche in goldigen Tautropfen erstrahlt, würdigen Sie keines Blickes. Es scheint mir, als ob Sie tief verletzt wurden. Das einzige was Sie noch antreibt ist die Wut. Dafür gibt es…“ bevor sie weiterreden konnte, wurde sie von einem Hustenanfall unterbrochen. Ihr ganzer Körper zitterte und ihre Augen waren geweitet. Herbert zog eine Flasche Wasser aus seinem Rucksack. Diese Aktion setzte den Lauf eines Gewehres frei. Die Flasche hielt er der jungen Frau hin und schnürte den Rucksack wieder zu. Die junge Dame trank das Wasser und ihr Hustenanfall verzog sich. „Vielen Dank. Das ist der Lungenkrebs. Und bevor Sie fragen, nein ich habe nie geraucht. Meine Eltern und wir Kinder wohnten in einem Haus, das Asbest verseucht war. In meinem Schlafzimmer war die Menge an Asbest am höchsten. Ich hatte mir einfach das falsche Zimmer ausgesucht.“ Herbert war wie gelähmt: „Macht Sie das nicht wütend? Dass Sie krank sind, hat jemand verursacht. Das ist eine verfluchte Frechheit.“ Die junge Frau lächelte sanftmütig. „Und was würde das mir bringen? Auch wenn ich wie Sie als Rambo durch die Stationen reisen würde und mich an jedem rächen würde, der irgendwie daran Schuld haben könnte, würde es nichts an meiner Situation ändern. Nicht wahr? Ich möchte meine Zeit, die mir noch bleibt, lieber mit den schönen Dingen füllen als mit dunklem Hass.“

Herbert senkte seinen Blick. Im Lautsprecher ertönte die Durchsage, dass der Zug in Bern eintreffen würde. Herbert blickte in das Gesicht der jungen Frau. Der strahlende Blick hinaus in die Stadt, inspirierte ihn. Die Frau stand auf, als sie beinahe fiel, weil der Zug bremste. Doch sie stürzte nicht, sie wurde von einem Mann, der lebendiger war als gedacht, aufgefangen.

Arm in Arm verschlungen stolperten die beiden Passagiere auf die Zug Tür zu.

Die Schande

 

Immer wieder betrachtete Feddersen die Uhr an der Büro Wand, die ihn mit einem langsameren Sekundenzeiger zu verhöhnen schien. Aus Scham vor seiner eigenen böswilligen Tat, hielt er es keine Sekunde länger im Büro aus. Daher verließ er seinen Arbeitsplatz um 17:20 Uhr und nicht wie gewohnt um 17:30 Uhr. In der Empfangshalle traf ihn der Blick von Johan dem Pförtner.

Was, wenn er es gesehen hat, vielleicht auf seinem Monitor?

„Herr Feddersen, was ist denn heute mit Ihnen los?“, wollte der allessehende Pförtner auch gleich wissen.

„Was? Nein, ich habe nur…Wie kommen Sie darauf?“

„Ach, nur weil Sie früher gehen als sonst.“

Feddersen ließ sich von dem Mann hinter dem Tresen nicht täuschen. Er spürte es in dessen Blick. Er weiß es, dachte Feddersen und beschleunigte seinen Schritt.

So schnell wie noch nie eilte er hin zur Bushaltestelle und kam atemlos und mit einem arhythmischen Herzschlag beim grünen Wartehäuschen an.

Auf dem braunen Bänkchen saß eine ältere Dame und musterte den schwitzenden Feddersen. Er konnte es förmlich in ihren Augen lesen. Ich weiß was du getan hast.

„Wo bleibt nur der Bus?“, fragte Feddersen, um die zerstörerische Stille zu brechen.

„Der kommt in fünf Minuten.“

Feddersen spürte die Verachtung, verpackt in freundlichen Worten.

Jede Sekunde war wie ein Stich in seinen Magen.

Nach einer Ewigkeit erkannte er endlich von Weitem den Bus der Linie 60. Der rettende Kasten auf vier Rädern würde ihn Nachhause bringen

Geschockt bemerkte Feddersen, dass das blaue Gefährt von Willy Otremba gefahren wurde. Ein Mann, der an jedem anderen Tag für Abwechslung sorgte, doch gerade heute, konnte Feddersen kein Smalltalk gebrauchen.

Aber wenn ich hinten einsteige, merkt er das etwas nicht stimmt.

„Herr Feddersen. Geht es Ihnen nicht gut? Sie sind so blass.“

„Ja…ja alles gut.“

„Wirklich?“

„Ja!“ Feddersen lächelte und merkte binnen Sekunden, dass sich sein Lächeln künstlich anfühlte. Schnell und ohne weitere Worte lief er schwankend an seinen regulären Platz.

Am Platz angekommen, musste sich Feddersen zunächst einmal mit seinem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn wischen. Sein Herz raste noch schneller und der Schweiß schien regelrecht aus den Poren zu schießen.

Endlich, die rettende Haltestelle. Kaum hielt der Bus und öffnete die Türen, sprang Feddersen förmlich aus dem Vehicle.

Eine Panikattacke machte sich allmählich breit, als er die Goethe-Straße entlang rannte und links in die Nord-Allee sprintete. Ein stechender Schmerz in seiner Seite. Allmählich wurde das Atmen schwieriger. Endlich, er konnte die Haustür sehen.

Schwerfällig zog er sich die Stufen in sein Häuschen hoch.

Beinahe wäre sein Herz stehen geblieben, als das Telefon klingelte. Auf dem Handy Display prangte der Name seines Chefs. Er weiß es!

„Hallo?“

„Guten Abend Herr Feddersen. Ich habe gehört, dass Sie heute ungewöhnlich früh und etwas durch den Wind das Büro verlassen haben. Ich dachte ich frage mal nach, wie es Ihnen…“

Die freundliche Stimme des Chefs wurde durch die schwer atmenden Schreie von Feddersen unterbrochen: „Es tut mir so leid. Die Miete, das General Abo und die Steuern waren diesen Monat so unglaublich hoch. Ich wollte doch nur vierzig Franken aus der Kaffeekasse mitnehmen, um die nächsten Tage über die Runden zu kommen. Ich hätte es in drei Tagen zurückgezahlt. Aber ich schwöre Ihnen, ich tue das nie wieder!“

 

Dunkelheit

 

Da ist etwas im Haus.

Esmeralda öffnet die Augen. Noch immer scheint sie von der Dunkelheit aufgesogen zu werden. Jegliches Gefühl von Raum und Zeit hat sie verlassen. Wo bin ich? Zaghaft tastet sie mit ihren zierlichen Händen nach einem Gegenstand, einem Möbelstück oder irgendetwas, dass sie erkennen lässt, wo sie sich befindet. Unter ihrem Rücken spürt sie einen kalten, harten Boden.

Erinnerungen kommen hoch.

Sie ging in den Keller des Hauses ihrer Eltern, welche an diesem Abend nicht zuhause waren. Der Strom war ausgefallen und sie suchte nach dem Sicherungskasten. Bewaffnet mit einer Taschenlampe stieg sie die Treppe hinunter, als sie auf den oberen Stufen stolperte.

Wo ist die Taschenlampe? Wie ein Blitz schlägt dieser Gedanke ein. Womöglich war sie beim Sturz davongerollt. Ihre Kniee schmerzen während sie sich versucht aufzurichten. Ein elektrisierender Schmerz zieht von ihrem Knöchel hinauf bis zum Kopf. Mein Bein ist gebrochen! Durch das Ertasten ihres Beines bestätigt sich dieser Verdacht. Der Schienbeinknochen ragt fühlbar aus einer feuchten, klaffenden Wunde. Taumelnd setzt sie sich wieder hin.

Aus einer der hinteren oder vorderen Ecke, dies kann sie nicht genau deuten, dringt ein Geräusch an sie heran. Ein leises brummen. Esmeralda hält den Atem an. Dieses Geräusch kennt sie nicht. Aus dem Brummen wird ein Klackern. Ihr Herz schlägt derart schnell und stark, dass sie jeden einzelnen Schlag hört. Ein Luftzug streift sanft ihr Gesicht. Dieser Luftzug scheint rhythmisch zu kommen und zu gehen, wie bei einem Atemzug. Steht jemand neben ihr?

„Hallo, ist jemand hier?“ Die flüsternde Frage bleibt unbeantwortet. Sie fühlt eine Berührung auf ihrem rechten Arm. Abrupt zieht sie den Arm zurück und stößt mit dem Ellbogen an einen harten Gegenstand. Diese Aktion führt zu einem stechenden Schmerz, der für einige Sekunden ihren gesamten Körper durchströmt.

Ihre linke Hand versucht das Objekt, welchem sie die Qual zu verdanken hat, zu finden. Da! Es ist eine kalte Front mit rauer Oberfläche. Dies muss die Kellerwand sein. Doch welche der vier könnte es sein? Ein Rascheln nähert sich. Sie kneift die Augen zusammen, um irgendetwas zu erkennen. Doch nichts. Selbst eine Eule würde in dieser Dunkelheit nichts erkennen. Angst steigt in ihr hoch. Sind das Schritte? Sie beginnt sich unsagbares vorzustellen. Ein Eindringling. Der nur gekommen ist, um sie zu töten.

„Da ist etwas in meinem Zimmer.“ Als kleines Mädchen saß sie eines Abends zitternd auf dem Schoss ihres Vaters. Sie hatte in ihrem Zimmer Etwas gesehen. Einige Wochen später belauschte sie ihre Eltern, wie diese mit ihrer Tante sprachen: „Was für ein Glück, dass niemand dieses Haus, kaufen wollte. Es war ein richtiges Schnäppchen. Und das nur, weil es auf einem ehemaligen Friedhof gebaut worden war.“ Lange fühlte sie sich nicht mehr sicher in diesem Haus. Doch mit den verstrichenen Jahren verlor ihre Angst an Bedeutung.

Ein lebloser Geselle hier bei ihr im Keller. Panik steigt in ihr hoch. Sie fühlt die Anwesenheit. Jemand steht hinter ihr. Sie fühlt den Atem in ihrem Nacken. Sie nimmt sanfte Berührungen war. Sie stellt sich Hände von Toten vor, wie diese nach ihr greifen. Wie sie versuchen sie in ihre dunklen, kalten Gräber zu ziehen.

 

Zwei kleine rote Augen starren sie an, eingerahmt in einem großen, breiten Gesicht. Tränen schießen ihr in die Augen. Ein Schrei zieht durch die Nacht.

Die Tür zum Keller wird geöffnet. Eine Gestalt, groß und schlank, steht im Türrahmen. Licht durchflutet den Kellerraum. Esmeralda blinzelt. Das Licht schmerzt in ihren Augen. Mit ihrer linken Hand versucht sie sich etwas Schatten zu geben, um ihre Augen zu beruhigen.

 

„Esmeralda?“ die Stimme, welche sie seit ihrer Geburt kannte, bringt Erleichterung mit sich. „Papa! Hilf mir ich habe Angst.“ Der große Mann ruft etwas und eilt die Treppe hinunter. Während sich ihr Vater verzweifelt über das Bein von Esmeralda beugt, sieht sie sich im Keller um. Niemand ist da. Aber sie ist sich sicher, sie war nicht allein in diesem Untergeschoss.

Wochen und Monate vergingen. Immer mehr rückte das Erlebte in ihr Unterbewusstsein. Jede Sekunde, die sie auf dem kalten Boden zugebracht hatte, war nun nichts weiter als eine verblasste Erinnerung.

Drei Jahre später  

Esmeralda verstaut ihr Hab und Gut in Karton Kisten. Ihre Eltern sind mit Freunden unterwegs zu einer Party. Als die junge Frau die letzte Kiste mit Klebeband verschließen möchte, schaltet sich im ganzen Haus der Strom aus. In vollkommener Dunkelheit steht sie in ihrem Zimmer und fühlt die Anwesenheit einer übernatürlichen Macht.